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Biomacht Mashup

p - 16.5.06 - Uncategorized |

Eine Arbeit des Medienkünstlers Christian Nold wird vom Herausgeber der Telepolis gelobt für ihr technisch innovatives Potential. Leider wurde übersehen dass dieses Locative Media Mashup durchaus nicht bloss affirmativ gedacht ist, sondern kontroll- und biopolitische Anwendungszenarien aufzeigt, die durchaus problematisch sind. Mehr und mehr Nutzern wird unwohl bei dem Gedanken ihre gesamten Daten einem internationalen Grosskonzern wie Google anzuvertrauen. Man beginnt spätestens dann zu zögern wenn vertrauliche Daten über den G-mail account gehen, Passwörter usw. Doch in Zukunft sollen komplette psychogeografische Profile von Stadtteilen die Wohnqualität, den Sims-artigen Happynessfaktor, den Strom von Waren und Wünschen, und vielleicht sogar den Drogenanteil im Abwasser, im Mashup mit dem jeweiligen Communityportal sowohl invividuell als auch zur kommerziellen oder ordnungspolitischen Nutzung verfügbar machen.

Diese messtechnische psychophysische Hyper-objektivität kommt zu einem gewissen Preis: In der Abfolge einer behavioristischen amerikanischen Psychologie, entwickelte sich die LSD-Bewegung des Tim Leary, wie auch die klassischen Mind-control Anwendungsversuche im Militärbereich. (Siehe Chris Marker’s La Jetté)). Ausgehend von den experimentellen deutschen Psychophysiologie von Fechner und Wundt, führt eine messtechnische Objektivierung subjektiver Daten zu einem schwer überbrückbaren Paralellismus, der auf der einen Seite die unaufhaltsame Materialität der Industrialisierung aufnimmt und auf der anderen Seite die Imagination und Schwärmerei der Romantik hervorbringt. Schliesslich mündeten die Ideen biometrischer Messbarkeit menschlicher Eigenschaften in die Charakter- und Rassentheorie.

Die Suche nach der Messbarkeit von Affekten entspricht der Absicht diese kontrollierbarer zu machen, bzw. der kommerziellen Nutzbarkeit zu erschliessen. Was ehemals nur beim Arzt möglich war, wird nun zu einem ubiquitären biokybernetischen Gadget (Blutdruck, Puls, Hautwiderstand, EEG) welches zugleich per Rückkanal an entsprechende Dienste angeschlossen ist, die der Koordination und Kontrolle von Massen dienen. Entsprechendes ist längst in militärischer Anwendung.

Die Arbeiten des Künstlers setzen sich seit Jahren mit der Zweischneidigkeit von informationellen Kontrolltechnologien im Öffentlichen Raum auseinander und behandeln die Daten-Dialektik von Invidium und Masse, z.b. in seinen Studien zu Crowd-Control-Software. Datenstroeme im öffentlichen Raum entsprechen Strömen von Körpern, deren Bewegung, und physikalischer In und Output, deren Datenschatten messbar und kartographierbar sind, deren Persönlichkeit und Singularität jedoch irrelavant wird. Die Architektur des Öffentlichen ist hier als eine Organisation von Raum im Sinne Foucaults zu verstehen, als eine Behandlung der Frage der Regierbarkeit, der Machtfrage also.

Einerseits wird eine zunehmendende Eigenverantwortung des Inviduums eingefordert, andererseits wird das Inviduum nur in seinen statistischen Häufungen marktwirtschaftlich relevant. Welche Möglichkeiten der informationellen Selbstbestimmung bleiben jedoch, wenn schon der PC gebührenpflichtig wird, man aber dennoch auf seinem Heim-laptop nicht nur Fernsehgucken sondern auch Steuerabrechnen und selbstverantwortliches Ich-AG-Kleingewerbe betreiben soll. Die Mixed Signals der deutschen Medienkultur zeigen bloss die tiefen Brüche auf die zwischen molaren Institutionellen Strukturen und ihren Interessen gegenüber den molekularen Strukturen als Folge der Digitalisierung und Kommerzialisierung, die beim Inviduum nicht halt machen, sonden es in eine Vielzahl von atomaren Datenobjekten in je andern Kontexten “kartographieren” und als relationales Netzwerk von Bezügen und Werten rekonstitutieren und verwerten.

Es zeigt sich dass gesellschaftliche Institutionen und ihre Interessen eine Eigendynamik erzeugen die diametral den technischen Entwicklungen gegenübersteht. Die User werden massenweise ins Darknet und illegale Existenzformen übergehen, alleine ihrer Freiheit und Lebendigkeit zuliebe. Die Anpassung eines hippen The Sims Suburbia an das organisierte Elend von Hartz IV wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Und wer nicht Hartz IV erdulden will, wird im wachsenden Bereich der informellen Ökonomie, in den lebendigen Graubereich leben der viele heutige Grosstaedte ausmacht. Nur an solchen Orten die sich einen Wildwuchs dieser Art erlauben wird echte Innovation möglich sein. Andere Orte konzentrieren sich auf Nutzbarmachung, Kontrolle und Verwertung. Daraus ergibt sich ein wachsender Bedarf diese Art der Kultur, durch Guerilla Marketing und allerlei Messmethoden auf die Spur zu kommen und es als ausgelagerte Entwicklungsabteilung zu nutzen.

Schliesslich das Element der Sicherheit. In einer von Terrorangst heimgesuchten öffentlichen Kultur, muss ein aufgebohrtes Googlemapsystem verheissungsvoll sein, welches Rasterfahndungsdaten mit Geodaten verknüpft und die “sozialen Brennpunkte”,die “Schläferbrutstätten” und Problemzonen des gesellschaftlichen Körpers mit Einkommensdaten und Bewegungsprofilen verknüpft. Vorstellbar sind nicht nur polizeitechnische Disziplinierungen sondern auch neue öffentlich-rechtliche Massnahmen der “Integration” und “Volksbildung”. Eine Verfeinerung dessen was man von Medienanalysen und Formatradio kennt, ist täglich bereits im sogenannten “Unterschichtenfernsehen” zu beobachten. Eine Anpassung der Formate und Inhalte, der Aussagen und Diskurse an statistisch-demographische wissenschaftlich objektivierbare Messdaten kollektiver Subjektivität. Das Potential eines öffentlich-rechtlichen Web2.0 ist eine Veknüpfung von E-government, E-bay-Konsum und massgeschneiderten Unterhaltungsprogrammen.

2 ideas to “Biomacht Mashup”

  1. Septimorio, 16.5.06

    Pit,

    der frischen und unverdauten Rezeption des Artikels geschuldet findet sich von mir lediglich der blosse Körper eines Affekt-Kommentars ohne weiteren Inhalt.

    Allenfalls bliebe zu bemerken, dass das eben Aufgenommene in einer Weite bennenend und Kreise schliessend wirkt, die noch gar nicht abschätzbar scheint.

    Vielen Dank für den exzellenten Out- bzw. Input!

    Septimorio

  2. Sunjaan, 19.6.06

    Hallo,

    obgleich viel Wahres im Texte steht,
    stellt sich mir hier die Frage,
    ob mal wieder jemand versucht uns
    mit mit seiner Fremdwort gestützten
    Intelligenz zu imprägnieren ;-)

    Gruss

    Sunjaan

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